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| 12.11.2008 |
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| Pathografien: |
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| Schwierige Fälle |
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| Was hatte Chopin? Was Cäsar? Die Krankengeschichten historischer Promis werden oft kontrovers diskutiert |
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Syphilis im Endstadium lautet die Diagnose, da ist sich Professor Hilmar Prange ziemlich sicher. Der Neurologe aus Göttingen hat die Symptome eingehend geprüft: Schlaflosigkeit, Halluzinationen, Tobsuchtsanfälle und schließlich Apathie. Auch die Obduktionsbefunde, die nach dem Tod des Kranken erhoben wurden, unterstützen die Annahme. Sie zeigen typische Veränderungen am Gehirn, Zeichen einer chronischen Entzündung. Digagnosehilfen: Alte Patientenakten
Doch letzte Gewissheit wird es nicht geben, denn der Patient Robert Schumann ist lange tot. Der berühmte Komponist starb am 29. Juli 1856 in der "Irrenanstalt" Endenich bei Bonn. Biologisches Material von ihm, das die Diagnose nach heutigen Standards sichern würde, gibt es nicht. Hilmar Prange muss sich damit begnügen, was Schumanns Arzt Dr. Franz Richarz damals aufgeschrieben hat. "Alte Patientenakten sind in der Regel noch die verlässlichsten Quellen historischer Krankengeschichten", sagt die Medizinhistorikerin Dr. Maike Rotzoll von der Universität Heidelberg. "Oft hat man weitaus weniger." Dennoch kursieren zahlreiche sogenannte Pathografien: der magenkranke Napoleon, der taube Beethoven, der Epileptiker Julius Cäsar. Meist sind es zeitgenössische Dokumente – persönliche Briefe oder Schilderungen Dritter – die als Grundlage solcher "Diagnosen" dienen. Selten handelt es sich um ärztliche Befunde, und fast nie genügen sie den Kriterien der modernen Medizin.
Neue Krankheitskonzepte
Die Diagnose einer Syphilis etwa fordert heute, dass der Erreger der Infektionskrankheit im Blut des Kranken nachgewiesen wurde. Doch den Übeltäter, das Bakterium Treponema pallidum, kannten die Ärzte zu Schumanns Zeiten noch nicht. "Immer wenn es einen solch fundamentalen Wandel des Krankheitskonzepts gegeben hat, wird es schwierig, Befunde in die heutige Zeit zu übertragen", erläutert Maike Rotzoll.
Gleiches gilt für Begrifflichkeiten: Was die Ärzte früher unter "Nervenfieber", "Blutsturz" oder "Irrsein" verstanden, lässt sich nur erahnen. Insbesondere die Wahrnehmung psychischer Erkrankungen hat sich stark gewandelt: Bis zur Aufklärung (18. Jahrhundert) gestand man ihnen keine medizinische Bedeutung zu, sondern interpretierte sie ungünstigenfalls als Besessenheit. Das Auge heutiger Betrachter schärfte der Psychiater Emil Kraepelin erst vor etwa 100 Jahren, als er die moderne Psychopathologie begründete. Somit bleiben Verdachtsdiagnosen wie das Tourette-Syndrom Mozarts oder eine manischdepressive Störung van Goghs vage. "Da steckt immer viel Spekulation drin", meint Maike Rotzoll. Der Erkenntnisgewinn sei entsprechend gering, sowohl für die medizinische als auch für die biografische Forschung. Der Mythos des leidenden Künstlers
Doch das sehen nicht alle so. "Die Krankheit Robert Schumanns steht eng mit seinem Werk in Beziehung – und mit dessen Würdigung", sagt der Musikwissenschaftler Professor Bernhard Appel. Bewunderer des Komponisten hätten lange seine offensichtliche Geschlechtskrankheit verleugnet, um den Mythos des leidenden Künstlers nicht zu entzaubern. "Man muss möglichst viele Fakten kennen, damit man den Künstler, sein Werk und sein Publikum versteht", meint Appel. Der Musikwissenschaftler veröffentlichte vor zwei Jahren Schumanns Krankenakten. Verschiedene Sachverständige haben zu den Unterlagen Stellung genommen – mit unterschiedlichen Ergebnissen: Während Hilmar Prange und der Medizinhistoriker Professor Franz Hermann Franken die geschilderten Befunde als Zeichen einer Syphilis deuten, lehnt der Psychiater Professor Uwe Henrik Peters diese Diagnose ab: Der Komponist hätte ja seine Frau anstecken müssen – doch das ist nicht überliefert. Allerdings ist Syphilis auch nicht in jedem Stadium ansteckend. Das Herz Chopin`s
Eindeutigere Schlüsse lassen sich ziehen, wenn noch Körperzellen vorhanden sind, wie im Fall von Frédéric Chopin. Sein Herz ruht konserviert in Warschau. Mediziner erwogen unlängst, es zu untersuchen, denn sie hegten einen Verdacht, der sich mit modernen Genanalysen bestätigen ließe: Litt Chopin gar nicht an Tuberkulose, wie angenommen, sondern an der Erbkrankheit Mukoviszidose? War er deshalb so dünn und zeitlebens kränkelnd? Hatte er darum keine Kinder? Kritiker des Vorhabens beklagten jedoch, die Totenruhe würde aus bloßer Neugier gestört. Das polnische Kultusministerium wies das Ansinnen der Ärzte vorerst ab.
Strittige Diagnosen
Auch bei den weniger schöngeistigen Figuren der Zeitgeschichte sorgen nach dem Tod erstellte Diagnosen mitunter für Zwist: Der Magdeburger Psychiater Professor Bernhard Bogerts hatte vor einigen Jahren das Gehirn der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof obduziert und war zu dem Schluss gekommen, dass Hirnschäden, die Meinhof durch eine Tumor-Operation im Jahr 1962 erlitten hatte, ihr späteres kriminelles Verhalten geprägt hätten. Diese Sicht erzürnte, fast 30 Jahre nach Meinhofs Selbstmord, viele ihrer Gegner ebenso wie manche Sympathisanten: Man könne doch – je nach Standpunkt – weder die Niedertracht der terroristischen Verbrechen noch deren hehre, ideologische Motivation durch einen Hirnschaden relativieren. Genie oder Wahnsinn
Auch der Einfluss von Krankheit auf die Kunst wird eifrig diskutiert. Hilmar Prange glaubt zum Beispiel, das Spätwerk eines gesunden Robert Schumann wäre gelungener ausgefallen. Dem widerspricht Bernhard Appel: "Viele moderne Komponisten beziehen sich gerade darauf." Die Werke eines Menschen haben demnach oft ihre eigene Geschichte. 12.11.08, Apotheken Umschau, Bildnachweis: Jupiter Images GmbH/Photos.com |
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